ESSAY

Du musst nicht wissen, wo du ankommst

Über Ziele, Richtung, Motivation und die Entstehung sinnvoller Bewegung

Mockup von Du musst nicht wissen, wo du ankommst – Essay von Jürgen Müllenbach

„Du musst wissen, was du willst.“ Der Satz klingt so vernünftig, dass kaum jemand auf die Idee kommt, ihn zu prüfen.

Dieser Essay prüft ihn. Er trennt, was im Alltag ineinanderfließt: Ursache, Antrieb, Motivation, Richtung, Ziel und Zielsetzung. Er zeigt, warum ein Mensch Richtung besitzen kann, bevor er ein Ziel hat – und warum manche Ziele erst im Prozess entstehen, aus Funden, nach denen niemand gesucht hat.

Kein Plädoyer gegen Ziele. Ziele ordnen, koordinieren, schützen und beenden. Aber sie sind Werkzeuge – nicht der notwendige Ursprung jeder sinnvollen Bewegung.

Manchmal musst du wissen, wo du hinwillst. Manchmal reicht es, zu wissen, welcher nächste Schritt trägt.

Veröffentlicht 2026 · Taschenbuch · Kindle

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LESEPROBE

1. Du musst wissen, was du willst

Es gibt Sätze, die so vernünftig klingen, dass man kaum noch auf die Idee kommt, sie zu prüfen. „Du musst wissen, was du willst“ gehört dazu.

Der Satz hat eine starke Seite. Wer ein Haus bauen will, muss wissen, was gebaut werden soll. Wer ein Unternehmen führt, braucht Zustände, auf die Arbeit ausgerichtet werden kann. Wer eine Reise plant, benötigt einen Zielort. Wer mit anderen zusammenarbeitet, braucht einen gemeinsamen Bezugspunkt. Ziele helfen, Relevanz zu bestimmen, Aufmerksamkeit zu bündeln, Ressourcen zu verteilen, Entscheidungen zu treffen, Fortschritt zu prüfen und einen Prozess irgendwann zu beenden. Ein Ziel kann den Satz ermöglichen: Es ist erreicht. Genug. Die Arbeit ist getan.

Aber nichts davon beweist, dass jedes sinnvolle Handeln mit einem Ziel beginnen muss.

Genau an dieser Stelle wird aus einer richtigen Beobachtung eine Halbwahrheit. Weil Ziele viele Prozesse hervorragend ordnen, werden sie zum notwendigen Ursprung jeder sinnvollen Bewegung erklärt. Der Rang des Ziels wird ausgeweitet, bis fast jede nicht zufällige Handlung als Zielverfolgung beschrieben werden kann.

Dann scheint es nur noch zwei Möglichkeiten zu geben: Zielorientierung oder Ziellosigkeit. Entweder jemand weiß, wohin er will, oder er treibt.

Diese Alternative ist zu grob.

Ein Prozess kann beginnen, weil eine Situation widersprüchlich ist. Weil etwas weh tut. Weil ein Zustand nicht länger tragbar erscheint. Weil eine Beobachtung nicht zu einer Erklärung passt. Weil Neugier entsteht. Weil Material vorliegt, dessen Zusammenhang unklar bleibt. Weil eine Frage nicht verschwindet. All das kann Bewegung erzeugen, ohne bereits einen positiven zukünftigen Zustand zu bestimmen.

Ein Mensch kann also wissen, warum er sich bewegt, ohne schon zu wissen, wo er ankommen wird.

Das ist nicht dasselbe wie Beliebigkeit.

Ziellosigkeit besitzt mindestens zwei verschiedene Bedeutungen. Sie kann bedeuten, dass überhaupt kein Auswahlmaßstab vorhanden ist: heute dies, morgen jenes, abhängig vom nächsten Impuls. Sie kann aber auch nur bedeuten, dass der Endpunkt noch nicht bekannt ist. Zwischen beidem liegt ein erheblicher Unterschied.

Ein Mensch kann Richtung besitzen, bevor ein Ziel vorhanden ist.

Er kann wissen, dass eine Erklärung nicht trägt. Er kann erkennen, dass ein bestimmter Zustand verlassen werden muss. Er kann entscheiden, einen Widerspruch weiterzuverfolgen. Er kann Material sammeln, eine Hypothese prüfen oder eine falsche Unterscheidung verwerfen. Er kennt dann vielleicht noch nicht den späteren Endzustand. Aber er kennt Unterschiede zwischen möglichen nächsten Schritten.

Warum wird trotzdem so gern nach dem Ziel gefragt?

Ein Grund dafür liegt in der beruhigenden Wirkung von Zielen.

Ein Ziel macht Zukunft scheinbar bestimmbar. Es verwandelt eine offene Situation in eine Geschichte mit Richtung und Ende. „Das ist mein Ziel“ klingt geordneter als: „Ich weiß noch nicht genau, was daraus entsteht, aber ich sehe einen Widerspruch, dem ich weiter nachgehen muss.“

Der zweite Satz enthält weniger Sicherheit. Er kann trotzdem die präzisere Beschreibung sein.

Damit ein Ziel den Begriff verdient, muss der zukünftige Zustand hinreichend bestimmbar sein. Der Weg darf unbekannt sein. Ein Ziel muss nicht mathematisch exakt formuliert sein. Es kann vorläufig und korrigierbar bleiben. Aber irgendetwas am späteren Zustand muss so weit kenntlich sein, dass gegenwärtige Handlung daran ausgerichtet werden kann.

Wenn auch das fehlt, ist der Begriff Ziel zu stark.

Dann gibt es vielleicht eine Frage. Einen Antrieb. Eine Irritation. Eine Spur. Eine lokale Richtung. Ein Erkenntnisinteresse. Einen Ordnungsdruck. Aber noch keine Zielsetzung im eigentlichen Sinn.

Diese begriffliche Zurückhaltung ist wichtig. Denn wenn wir jede gerichtete Bewegung zum Ziel erklären, wird die Behauptung „Menschen handeln immer zielgerichtet“ tautologisch. Dann bedeutet sie nur noch: Menschen handeln nicht ohne Ursachen.

Aber Ursachen sind keine Ziele.

Die interessantere Frage lautet deshalb nicht sofort: Welches Ziel stand am Anfang?

Sie lautet zunächst:

Warum begann die Bewegung überhaupt?

Was hielt sie aufrecht?

Wie wurde der jeweils nächste Schritt ausgewählt?

War ein zukünftiger Zustand tatsächlich schon bekannt?

Wann wurde aus einer bloßen Richtung eine Zielgestalt?

Und was geschieht, wenn das Ziel erst im Prozess sichtbar wird?

Manche sinnvollen Bewegungen beginnen nicht mit dem Wissen, was richtig wäre.

Sie beginnen mit dem Wissen, dass etwas nicht stimmt.

Gerade die Fähigkeit, diesen Zwischenzustand auszuhalten, kann eine Voraussetzung dafür sein, etwas zu finden, das man vorher noch gar nicht als Ziel hätte setzen können.

Ende der Leseprobe. Der vollständige Essay umfasst dreizehn Kapitel und einen Schluss.

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