WEBFASSUNG
Vergebung gilt als Tugend.
Wer vergeben kann, gilt als reif. Wer nicht vergibt, als verbittert. Irgendwann müsse man loslassen, heißt es. Menschen machten Fehler. Menschen könnten sich ändern. Wer frei sein wolle, dürfe nicht für immer an der Vergangenheit festhalten.
Vielleicht liegt das Problem schon im Wort.
Denn unter „Vergebung“ werden sehr verschiedene Vorgänge zusammengefasst.
Ein Mensch kann aufhören zu hassen.
Er kann auf Rache verzichten.
Er kann milder urteilen.
Er kann verstehen, warum der andere so gehandelt hat.
Er kann eine Entschuldigung annehmen.
Er kann sich später sogar wieder annähern.
All das ist möglich.
Aber wenn wir jeden dieser Vorgänge bereits Vergebung nennen, wird der Begriff nahezu leer. Für das Ende des Hasses haben wir das Loslassen. Für Milde die Nachsicht. Für das Begreifen von Ursachen das Verständnis. Für eine erneute Beziehung die Versöhnung.
Was bleibt dann noch für Vergebung selbst?
Ich glaube: der Gedanke eines wirklichen Neuanfangs.
Nicht des Vergessens im banalen Sinn. Niemand muss behaupten, eine Erinnerung verschwinde aus dem Gedächtnis. Gemeint ist etwas Tieferes: Das Geschehene soll seinen bestimmenden Rang verlieren. Es soll zwischen zwei Menschen nicht mehr gelten. Die gemeinsame Geschichte soll von einem Punkt an so behandelt werden können, als sei die alte Rechnung abgeschlossen und eine neue Ordnung beginne.
Genau daran glaube ich nicht.
Nicht weil manche Taten zu schwer wären.
Sondern weil Zeit nicht rückwärts läuft.
Was geschehen ist, ist nicht mehr Möglichkeit.
Es ist Bestandteil des Verlaufs.
Nach einer Lüge stehen nicht wieder dieselben zwei Menschen vor der Lüge.
Nach einem Verrat entsteht nicht wieder das Vertrauen vor dem Verrat.
Nach einem schweren Bruch kann später vieles geschehen: Einsicht, Veränderung, Ruhe, Distanz, vielleicht sogar neue Nähe.
Aber all das geschieht nach dem Bruch.
Es enthält ihn bereits.
Das Vertrauen, das später möglicherweise entsteht, ist deshalb nicht das alte Vertrauen, das zurückgekehrt wäre. Es ist ein Vertrauen, das weiß, dass dieser Bruch stattgefunden hat.
Die Beziehung ist nicht an ihren früheren Ausgangspunkt zurückgekehrt.
Es existiert ein späterer Zustand.
Das ist ein wesentlicher Unterschied.
Wir sprechen gern von Neuanfang, weil das Wort Hoffnung enthält. Es lässt einen Schnitt denken: vorher war das Alte, jetzt beginnt das Neue.
In Wirklichkeit beginnen Menschen aber niemals bei null.
Sie beginnen immer aus dem Zustand heraus, den ihre Geschichte hervorgebracht hat.
Das gilt auch dann, wenn beide Beteiligten sich verändern.
Vielleicht erkennt der eine Jahre später, was er angerichtet hat.
Vielleicht übernimmt er Verantwortung.
Vielleicht handelt er unter vergleichbaren Bedingungen inzwischen anders.
Diese Veränderung kann vollkommen real sein.
Sie verändert trotzdem nicht rückwirkend das, was geschehen ist.
Späteres Geschehen ersetzt früheres Geschehen nicht.
Es setzt den Verlauf fort.
Genau deshalb überzeugt mich auch die verbreitete Vorstellung nicht, eine schwer beschädigte Beziehung könne durch die Krise hindurch zu einer stärkeren Version ihrer selbst werden.
Menschen können lernen.
Menschen können nach Erfahrungen klarer, konsequenter oder vorsichtiger werden.
Aber daraus folgt nicht, dass ein aufgehobener früherer Zustand nachträglich „gewachsen“ wäre.
Eine Beziehung kann Belastungen tragen. Sie kann Streit, Irrtum, Enttäuschung und schwierige Phasen überstehen.
Doch nicht jede Verletzung ist nur eine Belastung innerhalb einer fortbestehenden Ordnung.
Es gibt Vorgänge, die diese Ordnung selbst verändern.
Wo das geschieht, ist Reparatur ein problematisches Wort.
Reparatur setzt voraus, dass etwas in seinem früheren Status wiederhergestellt werden kann.
Bei menschlicher Geschichte gibt es diesen Rückweg nicht.
Der offensichtliche Einwand lautet:
» Aber Vergebung bedeutet doch gar nicht, dass man so tut, als sei nichts geschehen.
Das stimmt.
Wenn Vergebung nur bedeuten soll, dass der Groll endet, widerspreche ich ihr nicht.
Dann widerspreche ich nur dem Wort.
Denn das Ende des Grolls ist möglich.
Innere Ruhe ist möglich.
Nachsicht ist möglich.
Verständnis ist möglich.
Das Ende des Rachewunsches ist möglich.
Nur beschreibt all das keinen Neuanfang.
Der Unterschied ist nicht semantische Haarspalterei.
Er entscheidet darüber, was wir von einem Menschen verlangen, wenn wir ihm sagen, er müsse vergeben.
Muss er nur aufhören, innerlich gegen die Vergangenheit zu kämpfen?
Dann kann das vernünftig sein.
Oder soll das Geschehene künftig keinen Rang mehr für seine Beziehung, seine Einschätzung und seine Grenzen besitzen?
Dann wird etwas anderes verlangt.
Dann soll Erkenntnis ihren Gegenstand verlieren.
Ein Mensch darf aber wissen, was er erlebt hat.
Er darf aus dieser Erfahrung eine andere Einschätzung gewinnen.
Er darf ruhig werden, ohne zurückzukehren.
Er darf verstehen, ohne wieder zu vertrauen.
Er darf den Hass verlieren, ohne die Information zu verlieren.
Darin liegt keine Bitterkeit.
Im Gegenteil.
Vielleicht wird die Vergangenheit gerade dann wirklich still, wenn man nicht mehr versucht, sie umzuschreiben.
Man muss sie nicht moralisch aufladen.
Man muss den anderen nicht zum Monster erklären.
Man muss nicht glauben, dass er für immer derselbe bleiben wird.
Man kann sogar anerkennen, dass er heute ein anderer Mensch ist als damals.
Aber auch der veränderte Mensch bleibt jemand, dessen Geschichte das damalige Geschehen enthält.
Und auch derjenige, dem es widerfahren ist, trägt diesen Vorgang in seiner Geschichte.
Beide dürfen weitergehen.
Nur gehen sie nicht vom alten Ausgangspunkt weiter.
Deshalb halte ich Vergebung im starken Sinn für unmöglich.
Nicht aus Härte.
Nicht aus Rache.
Nicht aus dem Wunsch, einen Menschen auf ewig an etwas festzunageln.
Sondern weil kein menschlicher Entschluss Geschehenes wieder in Ungeschehenes verwandeln kann.
Man kann die emotionale Macht einer Vergangenheit verlieren.
Man kann aufhören, von ihr beherrscht zu werden.
Man kann sie verstehen, einordnen und hinter sich lassen.
Aber man kann ihr nicht den Platz nehmen, den sie im Verlauf bereits besitzt.
» Vergebung scheitert nicht an meiner Härte. Sie scheitert an der Zeit.
Der Satz
» Vergebung ist für Gott. Ich kenne dich.
ist deshalb kein theologischer Lehrsatz.
Er bezeichnet eine Grenze.
Vielleicht kann man sich eine Instanz denken, die Schuld tilgt.
Der Mensch kann das Geschehene nur kennen.
Und wer etwas erkannt hat, kann Frieden damit schließen.
Er kann aber nicht mehr zu dem Menschen werden, der es noch nicht wusste.
» Es gibt keinen Neuanfang. Es gibt nur einen nächsten Zustand. Und dieser beginnt niemals bei null.
